Die Wahrheit über Dresden

Gemeindefahrt in die sächsische Hauptstadt und nach Herrnhut


Eine besondere Stadtführung in Dresden mit Anna-Thilo Schmalfeld

In der Woche nach Ostern fuhren 27 Personen aus unserer Gemeinde nach Dresden. Bericht und Fotos von gelungenen Besichtigungen und schönen Begegnungen

Unterschiedlicher konnten die Erwartungen kaum sein: Manche waren noch nie da, manche irgendwann schon einmal und wieder andere kannten sich von mehreren Besuchen richtig gut aus.

Der Bus hielt am Mittwochmittag direkt vor dem Hofgärtnerhaus. Das Gebäude der Evangelisch-reformierten Gemeinde Dresden liegt unweit der Elbe und ist ein frisch renoviertes Gästehaus, in dem wir nächtigen durften. Zur Frauenkirche sind es gerade mal fünf Minuten. Zentraler geht es nicht.

Noch am selben Nachmittag gab es eine Begegnung mit der dortigen Gemeinde und interessante Gesprächen an den gemischten Tischen. 

Die Dresdener Reformierten haben eine lange und wechselhafte Geschichte. Im 17. Jahrhundert kamen hugenottische Glaubensflüchtlinge aus Frankreich in der Stadt an. Wie in Nürnberg durften sie eine ganze Zeit lang nicht in der Stadt Gottesdienste feiern. Die 1767 fertiggestellte Kirche musste einem Neubau des Dresdner Rathauses weichen. Die „neue“ Kirche wurde im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt und 1962 abgerissen. Schon vorher hatte ein reformierter Baumeister eine Ruine auf den Brühlschen Terrassen wiederaufgebaut und darin einen Kirchsaal untergebracht. So zog die Gemeinde ins ehemalige Hofgärtnerhaus ein. Im Rest des Hauses wurde ein Altenheim betrieben, das sich nach der Wende bald nicht mehr lohnte. Auch der Kirchsaal war für die stark geschrumpfte Gemeinde zu groß. Jetzt ist das ganze Gebäude eine Art Hotel. Die Kirche ist in dem sehr schön gestalteten Wehrgang unter dem Gebäude.

Für die Stadtführung am ersten Vormittag entfernten wir uns nicht mehr als 500 Meter von unserer Unterkunft. Abstand mussten wir allerdings von der Vorstellung nehmen, wie so eine Stadtführung auszusehen hat. Die Ehrfurcht vor dem „Dresdener Barock“, der das Stadtbild so eindrücklich prägt, zerbröckelte mit jedem Satz von Anna-Thilo Schmalfeld. Es war eine ganz besondere Stadtführung, die mit der Ansage begann, dass wir enttäuscht sein würden.

Denn in Dresden ist kaum ein Gebäude so alt, wie es vorgibt zu sein. Genau diese Täuschung war das Programm der Könige, die sich dem absehbaren Machtverlust entgegenstemmten. So lernten wir die Zeichensprache kennen, mit denen an den Gebäuden aus dem 19. oder sogar 20. Jahrhundert die Verhältnisse klargerückt werden sollten. „Immer auf den Schlussstein achten!“ war die Deviese. Denn dort war meistens eine Krone angebracht. Foto Gruppe

Nicht so an der Front des königlichen Schauspielhauses – besser bekannt als Semperoper. Jener Gottfried Semper war Mitglied der Reformierten Gemeinde und nahm sich die Freiheit, zualleroberst das lebenslustige Pärchen Dionysos und Ariadne abzubilden. In diesem Gebäude musste sich auch der König der Kunst unterordnen. Aber auch die heutige Semperoper ist nicht alt, sondern ein Wiederaufbau noch aus DDR-Zeiten.

Noch jüngeren Datums ist bekanntermaßen die Frauenkirche. Die wenigen übriggebliebenen Steine aus der Ruine sind in den Mauern gut zu erkennen. Die vielen Schnörksel und das viele Gold im Innern sind Geschmacksache. Überzeugend ist allerdings das Konzept, die Kirche zu einem Ort der Begegnung und Versöhnung zu machen. Eines der weltweit 160 Coventry-Kreuze hängt hier und symbolisiert die Absicht, Wunden der Geschichte zu heilen, Verschiedenheit zu leben und an einer Kultur des Friedens zu bauen. Foto Innenansicht aus Kuppel

Der Aufstieg in die Kuppel hat sich gelohnt – wegen des Ausblicks über die Stadt, aber auch wegen des Einblicks in das Gebäude, das beim Aufstieg vermittelt wurde. Kaum mehr vorstellbar, dass nicht nur die Kirche, sondern das ganze Viertel rund um den Platz bis in die 80er Jahre ein Trümmerfeld war. Hinter den barockisierten Fassaden befinden sich moderne Gebäude. Das mag aus historischer Sicht eine Enttäuschung sein, es ist aber auch ein Segen für die Stadt, dass sie – wenn auch so spät – ihr Gesicht zurückbekommen hat.

Den wettermäßig einzigen scheußlichen Tag verbrachte ein Teil der Gruppe mit einer Dampferfahrt nach Schloss Pillnitz, der ehemaligen Sommerresidenz der sächsischen Könige mit einem beeindruckenden Park und einer bis heute leidenschaftlich gepflegten Sammlung von exotischen Pflanzen. In den Gewächshäusern war es dann auch warm und trocken.

Wieder bei strahlendem Sonnenschein ging es am Samstag nach Herrnhut. Dieser Ausflug war der ursprüngliche Anlass für die gesamte Reise. Denn Silke Brenningmeyer-Beneken hatte für den Gemeindebrief die Geschichte des Ortes und seine Bedeutung bis heute recherchiert und gefunden, da könne man doch mal hinfahren. Die dort ansässige Brüdergemeine (ohne ‚d‘) ist heute bekannt für die Herstellung und den Vertrieb der Herrnhuter Sterne. Aber auch die ‚Losungen‘ mit einem alttestamentlichen Spruch für jeden Tag kommen aus dieser kleinen Stadt in der Oberlausitz. 

Böhmische Flüchtlinge wurden von dem frommen Grafen von Zinzendorf dort angesiedelt. Am 17. Juni 1722 wurde der erste Baum gefällt und dann wurden Häuser, ein Betsaal und eine Schule gebaut und ein Friedhof angelegt. Vieles davon ist zwar auch nicht mehr in seinem originalen Zustand, aber doch eindrücklich. Die Brüder-Unität hat bis heute Mitglieder in der ganzen Welt. Im Ort selbst sind es nur noch ein paar hundert. Doch die Geschichte und die bis heute gepflegte nüchterne Spiritualität wurden 2024 zum Weltkulturerbe erhoben. Und der Ort macht etwas daraus. Beeindruckt hat uns auch der Friedhof in seiner Schlichtheit, der eigenen (geschlechtergetrennten) Ordnung und der wundervollen Anlage. Foto Friedhof

Am Sonntag feierten wir zum Abschluss mit der Dresdener Gemeinde Gottesdienst. Der Raum im ehemaligen ‚Kanonenhof‘ ist eine gelungene Konversion von der Verteidigungsanlage zum Gemeinschaftsraum mit Atmosphäre. Dazu kam die herzliche Stimmung, die von der Gemeinde ausgeht. Die Predigt von Pfarrer Fabian Brüder tat ein Übriges und gab uns eine im wahrsten Sinn ‚geistliche‘ und ermutigende Botschaft mit auf den Weg.

Schön, dass sich einige der Mitreisenden wohl das erste Mal zu so einer Gruppenreise entschlossen hatten und positiv überrascht wurden. Das lag bestimmt auch an der gelungenen Mischung aus gemeinsamen Aktivitäten und Raum für eigene Entdeckungen. Diese Abwechslung und das reichhaltige Programm ist in erster Linie Silke Brenningmeyer-Beneken zu verdanken, die die gesamte Reise federführend vorbereitet hat. Zum Abendessen trafen wir uns jeweils in besonderen Lokalen, die uns einen Eindruck von dem weniger touristischen als authentischen Stadtleben geben sollten. Denn das gehört zur Wahrheit über Dresden, dass diese Stadt sehr vielfältig und lebendig ist.

Georg Rieger unter Zuhilfenahme vieler Kommentare zur Reise von den Teilnehmenden